Gabriellas Geschenk

Gabriellas Geschenk, eine Weihnachtsgeschichte von Sebastian Keller

Zwei Tage vor Weihnachten holte Frau Alvarez ihre 7 jährige Tochter Gabriella von der Schule ab. Gabriella war begeistert vom Lesen. Auf dem Heimweg las Gabriella alles laut vor, was sie finden konnte: Straßenschilder, Reklametafeln, Graffitis… Gabriella war nicht aufzuhalten. 

Frau Alvarez versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie alles noch besorgen und vorbereiten musste. Schokoladenguss und Dominosteine hatte sie schon. Das Geschenk für die Mutter hatte sie bestellt. Hoffentlich würde sie rechtzeitig ankommen. Wieso war eigentlich vor Weihnachten immer Stau? Gabriella las unablässig weiter: „Döner, Kebap, Imbiß, Fris-euer-salon Haar-genau…“ Frau Alvarez holte tief Luft. Eigentlich war sie ja stolz auf ihre Tochter, die so schnell Lesen gelernt und sogar einen Wettbewerb in der Klasse gewonnen hatte. Aber nun musste sie sich darauf konzentrieren schnell – noch vor dem Paketboten nach Hause zu kommen. Sie seufzte kurz: „Gabriella! Muss das jetzt wirklich sein?“ Gabriella las weiter: HH- Bu 3743. Toyota. Hundi an Bord…“ Frau Alvarez fuhr sie an, während sie sich auf das Einparken konzentrierte: „Gabriella jetzt nicht!“ Gabriella hielt sich trotzig den Mund zu und schaute ihre Mutter böse an. Zu Hause angekommen öffnete Frau Alvarez den Briefkasten und stöhnte. Gabriella las wieder: „Eine persönliche Zustellung war am 22.12. um 12.22 Uhr leider nicht möglich. Sendungsnummer 2375644809. Das Paket wurde bei Ihrem Nachbarn: Brümmel hinterlegt. Auf digitale Zustellungsbenachrichtigung umstellen…“ „Gabriella!!!“ Fauchte Frau Alvarez sie an. Dann klingelte sie bei Frau Brümmel. Frau Brümmel war eine ältere alleinstehende Frau. Sie kam kaum noch raus und war fast immer zu Hause. Sie nahm gerne Pakete an. Sie freute sich über etwas Abwechslung: „Ach Frau Alvarez. Wie geht es Ihnen? Ich habe gerade frischen Tee gebrüht. Wollen Sie einen? Gabriella las inzwischen die Namen auf den Briefkästen vor. Yilmaz, Meier, Hoffmann, Müller, Franzmann…“ Frau Alvarez schrie nun laut Gabriella! Ruhe jetzt!!“, dann fauchte sie Frau Brümmel mit harscher Stimme an: „Nein Danke! Sie sehen doch, dass ich jetzt keine Zeit habe! Bitte holen Sie einfach mein Paket!“. Gabriella war nun richtig wütend. Wie konnte ihre Mutter nur zu ihr und zu Frau Brümmel so gemein sein! Dabei war Frau Brümmel doch immer so nett. Und Tee hatte sie ich gekocht. Gabriella konnte Frau Brümmel gut verstehen. Sie fühlte, wie es ist, wenn man sich Mühe gibt und alles ganz toll macht und die anderen immer keine Zeit und keinen Nerv haben. 

Sie warf ihrer Mutter einen vernichtenden Blick zu, legte den Finger auf den Mund und lächelte dann Frau Brümmel besonders freundlich an. Frau Alvarez, die bemerkte, dass sie sich im Ton vergriffen hatte gab sich Mühe, sich besonders freundlich bei Frau Brümmel zu bedanken. 

Als sie oben in der 4. Etage angekommen waren zischte Gabriella, dass sie schließlich auch im Stress sei und noch Weihnachtsgeschenke basteln müsse. Dann ging sie in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich mit einem Knall. Frau Alvarez wollte erst hinterher. Aber dann dachte sie: Soll sie doch ruhig etwas schmollen. In der Zeit schaffe ich wenigsten noch etwas. Sie packte die Einkäufe aus und die Geschenke ein. Endlich etwas Zeit zum Durchatmen. Sie schaute in den Flur, offenbar hatte ihr Mann die Pappkartons von den Bestellungen weggebracht. Wann er das wohl noch geschafft hatte. 

Hatte sie nicht 3 Packungen Dominosteine gekauft? Wo hatte sie nur das blaue Geschenkband hingetan? Manchmal braucht es gar keine Kinder um alles durcheinander zu bringen, dachte sie! Als Herr Alvarez spät nach Hause kam freute er sich über den aufgeräumten Flur. Er vermisste die Tasse mit Firmenlogo, die er vom Chef zu Weihnachten bekommen hatte. Sicherlich in der Spülmaschine oder auch im Müll. Egal. Er fragte sich sowieso, was er jedes Jahr mit einer neuen Tasse sollte…

Beim Abendbrot saßen alle schweigend und irgendwie erschöpft beieinander. Gabriella und ihre Mutter schienen sich wieder zu vertragen. Auf jeden Fall hatte niemand Lust nochmal Streit anzufangen. Auch am nächsten Tag blieb es ruhig. Gabriella werkelte in ihrem Zimmer und kam nur gelegentlich raus, um eine Schere zu holen oder etwas Klebeband. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte war sie nicht zu bremsen.

Am Weihnachtstag lag schon wieder eine Paketbenachrichtigung im Briefkasten. Für Maria Franzmann. Frau Alvarez wunderte sich. Sie hieß zwar Maria. Aber Franzmann, dass muss für die Nachbarn sein. Das ist sicher eine Verwechslung. Sie holte Gabriella und ließ sie die Karte zur Sicherheit und als Friedensangebot nochmal lesen. Dann klingelten sie bei Frau Franzmann. Frau Franzmann bedankte sich, aber sie hatte nichts bestellt. Sie hatte ebenfalls eine Paketbenachtichtigung für Johannes Yilmaz. Ihr Mann hieß zwar Johannes, aber Özkan Yilmaz war der Nachbar im 2. Stock. Dieser hatte eine Benachrichtigung für Özkan Hoffmann, der eine Benachrichtigung für Tanja Müller hatte, die eine Benachrichtigung für Susanne Meier, die wiederum eine Benachrichtigung für Horst Kocak hatte, der eine Benachrichtigung für Yadegar Münch hatte, und sich fragte, ob es überhaupt eine Familie Kocak im Haus gab. Manche Nachbarn sahen sich zum ersten Mal. 

Am Ende kamen alle bei Frau Brümmel an, die sämtliche Pakete angenommen hatte. 

Ham die beim Paketdienst Lack gesoffen? Fragte Frau Hoffmann. „Ist mir egal meinte Horst Meier. Geben Sie mir einfach mein Paket! Für Meier.“ Aber es ist doch an Susanne Meier und nicht an Horst Meier.“, entgegnete Frau Hoffmann. „Der Vorname ist sicherlich eine Verwechslung. Sowas kann man schnell mal vertauschen geben Sie mir jetzt mein Paket!“ herrschte Herr Meier sie an. „Und wenn der Nachname vertauscht ist?, sagte Herr Yilmaz. 

Fast alle Nachbarn waren inzwischen bei Frau Brümmel versammelt. „Also Sie nehmen mein Paket nicht einfach mit“, zischte Frau Müller. „Streng genommen müssten wir eigentlich alle Pakete zurückschicken.“, sagte Herr Franzmann. 

Aber dafür waren alle irgendwie zu neugierig. Frau Brümmel hatte Tee gebrüht und bat alle ins Wohnzimmer. Herr Kocak folgte als erster. „Vielleicht steht ja auf den Paketen noch irgendwas drauf… Lassen Sie uns mal nachschauen.“ Frau Alvarez folgte ihm. Sie wollte Frau Brümmels Tee nicht schon wieder ablehnen. Nicht zu Weihnachten. Als alle im Wohnzimmer platz gefunden hatten rief Herr Meier: „Das sieht hier schon so aus, wie von einem Hilfsschüler geschrieben… Die Paketboten. Das sind ja alles Ausländer…“. Frau Hoffmann schritt sofort ein: „Also jetzt keinen Rassissmus zum Weihnachtsfest! Ich bin dankbar und habe hohnen Respekt vor der fleißigen Arbeit der Paketboten! Ich möchte Sie mal sehen, wenn Sie in einem anderen Land mit einer fremden Schrift Pakete ausliefern müssten.“ Darauf Herr Meier: „Bei uns hat es ja wenigstens noch für Russisch gereicht.“

„Wir sollten vielleicht beim Paketdienst anrufen.“, meinte Herr Yilmaz. „Na viel Glück!, da geht doch jetzt bestimmt noch gaaanz viele ans Telefon.“, lästerte Frau Müller. 

Schließlich beschlossen alle, die Pakete gemeinsam zu öffnen. Denn da kann sich hinterher niemand beschweren. Alle hatten im Wohnzimmer von Frau Brümmel Platz gefunden und warteten gespannt. Frau Alvarez öffnete etwas unbeholfen das erste Paket an Maria Franzmann. Da war eine Kerze drin. „Ach das kann sein. Solche Kerzen bekommen wir immer von meiner Tante.“, sagte sie. „Davon haben wir schon so viele. Wenn die jemand haben will…“, und überreichte sie an Familie Franzmann. Im Zweiten Paket war Weihnachtsgebäck. Das war nun gar nicht zuzuordnen, aber es passte gut zum Tee. „Machen wir es doch einfach hier gemeinsam auf….“ Frau Brümmel schenkte Tee nach. Es war wie eine Familienfeier mit Bescherung nur mit völlig Fremden Menschen. Und alle waren sich einig, dass die Teebeutel im nächsten Paket als Dankeschön an Frau Brümmel gingen. Herr Meier verschwand wie er sagte „nur mal kurz den Fernseher ausmachen“, das war wohl seine Art, zu sagen, dass er kein besseres Programm für den Abend hatte. Frau Yilmaz holte noch schnell Bakklava, von denen Ihr Mann jedes Jahr sowieso viel zu viele machte. Frau Alvarez, schaute auf die Kerzen, die drehenden Pyramidenflügel und Rauchfaden, der sanft aus einem Räuchermännchen entwich. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie liebevoll weihnachtlich alles geschmückt war. 

Nach dem siebenten Paket klingelte es. 

Frau Brümmel ging durch den Flur zur Tür. Alle horchten Gespannt. An der Tür war eine Männerstimme zu hören. Guten Tag, Entschuldigung! Haben gesehen meine Block mit Benachrichtigung Paket? In diesem Moment schauten sich Herr und Frau Alvarez an: Gabriella!!!

Frau Brümmel zwinkerte Gabriella zu und antwortete: „Kommen Sie doch erstmal rein. Schließlich ist Weihnachten und ich habe Frischen Tee gebrüht. 

Der letzte Engel

Lisbeth hatte Weihnachten früher immer sehr geliebt. Es war ihr Liebstes Fest im Jahr. Sie liebte es, alles schon im Advent festlich zu schmücken. Da war die ganze Wohnung von einem besonderen Glanz umgeben. Da waren Räuchermännchen mit ganz unterschiedlichen Duftkerzen. Ein großer Engelchor stand auf dem Fernsehapparat und ein Engelchor in der Schrankwand. Auf der Kommode standen die geschnitzten Musikanten mit ihren Engelsflügeln. Eine Mehrstöckige Pyramide stand auf dem Nähkästchen und die kleineren Pyramiden auf den beiden Tischen im Wohnzimmer. 

Als die Kinder noch klein waren war das ganze Wohnzimmer heiliger Boden. Die Kinder durften erst es erst am Weihnachtstag betreten. Am Weihnachtstag wurden erst die Adventskalender geöffnet, dann ging es in die Kirche und dann versuchten die Kinder ungeduldig durchs Schlüsselloch zu schauen. Aber da hing meistens die Mütze, die der Weihnachtsmann vergessen hatte. Erst als alle Kerzen angezündet waren durften die Kinder ihre Weihnachtsgedichte aufsagen und dann das Zimmer betreten. Sie stellten gemeinsam die alte Spieluhr an, die Stille Nacht spielte.

 Lisbeth erklärte den Kindern, dass sie wenn sie ganz still und brav sind die Musik der kleinen Holzengel hören könnten und wenn sie ganz genau hinschauten könnten sie sie sogar dabei erwischen, dass sie sich bewegten. 

Die Kinder waren immer fastsiniert. Sie konnten die kleinen Engel stundenlang anschauen und waren sich sicher, dass sie den ein oder anderen Ton gehört oder eine Bewegung oder ein kleines Lächeln gesehen hatten. Auch bei den Enkeln wirkte der Zauber. Oma Liesbeth musste nie schimpfen und über 2 Generationen kam niemals ein Kind auf die Idee, die kleinen Hölzernen Engel als Spielfiguren anzusehen. Oma Liesbeth musste nie schimpfen und sogar mit den vielen echten Baumkerzen gab es nie Probleme. Das Weihnachtszimmer hatte einen ganz besonderen Glanz und Geruch und es wirkte auf jedes Kind und auch auf die Erwachsenen. Alle wurden plötzlich viel ruhiger und verhielten sich ganz anders. Mit einem Schritt über die Türschwelle wurde es Weihnachten.

Als nach den Kindern auch die Enkel langsam erwachsen geworden waren veränderte sich das Weihnachtsfest. Die verschiedenen Familien feierten nun jeweils für sich an unterschiedlichen Orten und trafen sich erst nach den Weihnachtstagen für einen Nachmittag. Lisbeth war zu alt geworden, um alle zu bewirten. Und über die Jahre verschwand der Zauber ganz langsam und schleichend aus ihrer Wohnung. Nachdem Liesbeths Mann Herbert gestorben war, lohnte es sich nicht mehr einen Baum zu besorgen und mit den Baumkerzen blieben auch die Pyramidenkerzen aus. Dann war niemand mehr da, um die Spieluhr aufzuziehen. Es wurde still. In einem Jahr verschwanden die Räuchermännchen. Sie wurden an die Familien der Kinder verschenkt. Im Licht der alten Stehlampe fiel es kaum auf, dass auch die Engelfiguren über die Jahre immer weniger wurden.

Liesbeth machte es zunehmend Mühe in den Keller zu gehen und die Kisten mit den Engeln in die Wohnung zu bringen. Erst verschwanden die Musikanten und dann die Chorsänger Engel. Zum Schluss blieb nur ein einziger Engel übrig. Den hatte Liesbeth einmal von Onkel Albert geschenkt bekommen. Der passte in keine Kiste und wohnte deshalb in einer Schublade. Der letzte Engel war ein kleiner Porzellan Engel. Er stand nun ganz allein auf der Kommode. Er vermisste die Kinder und die Spieluhr. Er vermisste Opa Herbert und den Weihnachtsduft. Seine kleinen gemalten Augen glänzten in dem LED Licht der Stehlampe nur noch fahl. Ohne die anderen Engel fühlte er sich einsam. Wie sollte er alleine den Zauber des Weihnachtswunders in Liesbeths Wohnzimmer zurück bringen? 

Gerne hätte er geschrieen: „Siehe ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird…!“ Aber er war aus Porzellan. Und so blieb er kalt und steif auf der Kommode stehen. Er schaute Liesbeth zu, wie sie selbstgespräche führte, wie sie manchmal weinte und oft bei Regen lange aus dem Fenster sah. Innerlich schrie er ganz laut: „Rettet Weihnachten! Aber äußerlich blieb er kalt und reglos stehen. Unter dem Staub wurde er langsam blass und matt. Lisbeths Zimmer hatte nun gar keinen weihnachtlichen Glanz mehr. Es wirkte alltäglich und grau wie an einem trüben Novembertag. Welchen Sinn hat ein Engel, wenn er so gar nichts bewegen kann? 

Eines Tages wurde in der Nachbarschaft gebaut. Die Straße wurde mit schweren Presslufthämmern aufgebrochen. Da fingen die Schränke und die Kommode an zu vibireren. Der Kleine Engel fing langsam an sich zu bewegen. Er rutschte auf der Kommede hin und her. Schließlich beschloss er schluss zu machen und sich von der Kommode zu stürzen. 

Er fiel krachend auf den Parkettboden und zerfiel. 

Obwohl es ihr sehr schwer fiel sich zu bücken: Liesbeth hob den kleinen Porzellanengel in seinen Einzelteilen sorgsam auf. Sie konnte gut verstehen, wie er sich fühlte. Sie streichelte ihn sorgsam und befreite ihn vom Staub. Sie dachte zurück, was ihr das Weihnachtsfest früher bedeutet hatte. 

Sie erinnerte sich and die schönen Weihnachtsfeste mit den Kindern. Irgendetwas war über die Jahre auch in ihr zerbrochen. Sie spürte den Schmerz in ihrem Rücken. Manches war wohl nicht mehr zu heilen. 

Aber der kleine Engel tat ihr Leid. Aber der war sicher noch zu retten! So legte sie ihn sorgsam neben das Telefon und rief alle an: „Ihr müsst bitte sofort kommen! Bringt Leim und Lebkuchen, Kekse und Kerzen, Weihnachtslieder und Geschichten. Es ist schließlich ein Notfall…

Was sich findet… 

Was sich findet…

Da leuchtet ein Stern am Himmel droben
Wind lässt Wolken weiter ziehen
Weise andrer Pflicht enthoben
haben Zeit und schauen hin

Hirten sind grad in der Gegend
vermissen heute kein verlornes Schaf
sehen staunend Gottes Engel schwebend
Gleichwie im Traum doch nicht im Schlaf

Da findet sich ein Platz im Stall
Eine Krippe wird zum Kinderbett
Geborgenheit gibts überall
Mit Willenskraft wirds trotzdem nett

Ich sitze hier mit vielen Kerzen
Adventsgebäck, Glühwein und Tee
Doch irgendwas muss s(ich) noch finden,
damit das Wunder mir gescheh

Wo kann ich sehen, was Gott schon längst gefügt?
Wie entscheiden, dass das Einfache genügt?
Gott gib mir die Weisheit, die beides verbindet
und lass mich finden, was sich findet

Als der echte Weihnaachtsmann zu Besuch kam

Die meisten nannten ihn Jo. Auch wenn keiner wirklich seinen Namen kannte. Jo saß jeden Tag in der Innenstadt an seiner Ecke mit einer kleinen Blechdose vor dem Trafohäuschen und bettelte. Jo war eine sympatischer älterer Herr ungefähr Anfang 60. 

Wenn ihm jemand etwas in seine Büchse legte bedankte er sich: „Joa Danke und einen schönen Tag noch“. 

Jo saß bei Wind und Wetter an seiner Ecke. Jeden Tag. 

Im Dezember hatte einen roten Mantel von der Kleidersammlung bekommen und ein betrunkener von einer Glühweintour eines Betriebsausfluges fand es witzig, ihm auch noch eine Weihnachtsmann Mütze zu schenken. „Vielleicht kriegste ja nen Job als Weihnachtsmann“, lallte er und verschwand. Jo freute sich über die warme Mütze, denn es war sehr kalt und windig geworden in der Fußgängerzone. Mit dem roten Mantel, der Mütze und seinem langen grauen Bart – an einigen Stellen vom Rauchen vergilbt – sah Jo tatsächlich aus wie der Weihnachtsmann. So steckten ihm immer wieder einige Touristen Geld für ein Foto zu.

Jo kannte die Menschen, die regelmäßig bei ihm vorbei kamen. Er wusste genau, wer wie viel gibt und wer ihm noch einen schönen Tag wünschen würde, wer ihn gar nicht ansah oder wer sogar etwas Zeit für ein kleines Gespräch hatte.

Jo kannte auch Herrn Franke gut. Er wusste, dass er meist einen 5er auspackte und mit einem hektischen „einen schönen Tag noch“ verschwand. Herr Franke schien es immer eilig zu haben. Oft telefoniert er sogar und gab den 5er und den Wunsch für den schönen Tag, ohne das Telefonat zu unterbrechen im Vorbeigehn ab. 

Am Weihnachtstag war Jo unterwegs zu seinem Platz. Da sah er Herrn Franke, der es wie immer eilig hatte. Er rannte mit den Geschenken zum Auto, legte die Geschenke kurz aufs Dach. Dann klingelte sein Telefon. Nach einem kurzen Telefonat stieg er noch hastiger in sein Auto und fuhr weg. Die Geschenke, die noch auf dem Dach waren fielen nach wenigen Metern vom Auto herunter. 

Jo erinnerte sich, wie er früher Geschenke besorgt hatte. Das schönste war immer die Vorfreude, jemanden wirklich überraschen zu können. Jo packte oft die gekauften Packungen aus und packte sie in kleinere und größere Pakete um, so dass niemand raten konnte, was es ist. Vom der neuen Spielkonsole wurde erstmal nur eine Schokoladentafelgroße Packung mit dem Netzteil überreicht. Wenn die Kinder dann freudig überrascht waren freute er sich jedes Mal richtig mit. 

Nun dachte Jo zum ersten Mal, dass Herr Franke auch eine Familie haben könnte. Was, wenn er Kinder hat, die auf die Geschenke warten? Wahscheinlich brauchte hier ein Vater Hilfe, um seine Kinder nicht zu enttäuschen.

In einem Telefonat, dass Herr Franke im Vorbeigehen geführt hatte, hatte er eine Adresse mehrfach durchgegeben, ja geradezu buchstabiert. Das war in der Gotthelfstraße, gar nicht weit entfernt. Da beschloss Jo, die Geschenke dort hinzubringen. 

Er wusste nicht, wer in der Gotthelfstraße auf die Geschenke wartete, aber er konnte sich vorstellen, wie es war, wenn Kinder an Weihnachten leer ausgingen. Er hatte einmal alles verloren und viel Enttäuschung erlebt. Vielleicht könnte er das einem anderen ersparen.

Jo kam in die Gotthelfstraße. Imposante Gründerzeithäuser mit riesigen Wohnungen und imposanten verzierungen an den Fassaden. Durch die Fenster konnte man die riesigen Stuckdecken sehen. Jo suchte die Messingschilder am Hauseingang ab. Die Tür war offen 1. Etage. Jo klingelte. 

Familie Franke hatte indessen noch gar nicht bemerkt, dass die Geschenke fehlten. 

Herr Franke öffnete die Tür. Er erkannte Jo sofort. Verlegen stammelte er: „Äh, das ist jetzt aber echt ungünstig. Ich habe gerade kein Kleingeld dabei. Wir haben heute auch noch Gäste eingeladen…“

Jo, wollte gerade anfangen zu erklären, dass er die Geschenke auf der Straße gefunden hatte, da rannnten schon die Kinder durch den Flur. Auch sie erkannten den Gast sofort und riefen begeistert: „Der Weihnachtsmann!“ Die Kinder hüpften freudig durch den Flur und riefen immer wieder „Der Weihnachtsmann! Der Weihnachtsmann!“ Jo zeigte auf die Geschenke. Herr Franke begann allmählich die Zusammenhänge zu verstehen und die Kinder waren sich in ihrer Freude noch sicherer: „Der Weihnachtsmann! Der Weihnachtsmann!“ Die beiden Männer sahen sich an von Vater zu Vater und wussten in dem Moment, dass sie jetzt mitspielen und in ihren Rollen bleiben müssten. Herr Franke versuchte noch halblaut zu sagen, dass der Weihnachtsman sicher gleich weiter müsste, da zerrten die Kinder Jo mit den Geschenken schon in das Wohnzimmer. Frau Franke sah Ihren Mann erschrocken an. Der zuckte mit den Schultern. 

Die Kinder hatten Jo aber schon ins Herz geschlossen. 

„Der Weihnachtsmann ist hier! Der echte Weihnachtsmann!“, riefen sie, während sie um Jo herumhüpften. Der kleine Hans stellte sich vor ihn, zog ängstlich aber entschlossen an seinem Bart und sah ihm prüfend ins Gesicht. Als der Bart aber nicht abging, wie beim Weihnachtsmann im Einkaufszentrum waren die Kinder nun absolut sicher, dass es wirklich nur der echte Weihnachtsmann sein konnte. Frau Franke nahm vor allem wahr, dass Jo so gar nicht weihnachtlich roch. Sie schaute auf den ausgefransten Mantel und die vergilbten Barthaare. Dann sah ihren Mann durchdringend an. Der lächelte etwas verlegen und deutete auf die Kinder.

Frau Franke warf indessen geistesgegenwärtig noch schnell eine Decke auf das Sofa, bevor der Weihnachtsmann – sich genüsslich in einen Sessel fallen ließ. 

Jo spielte die Rolle des Weihnachtsmanns perfekt. Er lobte die Kinder für ihre Gedichte und fragte sicherheitshalber nach, ob auch alle brav gewesen waren. Dann überreichte er die Geschenke und erzählte den Kindern kleine Weihnachtsgeschichten. 

Er erinnerte sich, wie er seinen Kindern früher Geschichten erzählt hatte. Er erzählte den Kindern von der Kälte am Nordpol, dabei wurde ihm innerlich ganz warm. Es berührte ihn tief, dass sich die Kinder so sehr über sein Dasein freuten, dass sie noch nicht einmal die Geschenke ausgepackt hatten. Wann hatte sich jemand zuletzt so über sein bloßes Dasein gefreut? 

Herr und Frau Franke spürten die Freude der Kinder. Dennoch war ihnen die Situation unangenehm. 

Frau Franke überlegte. Wie soll denn das gut ausgehen? Der Besuch kommt gleich und wir können Jo aber nicht hier aufnehmen. Wir haben doch gar keinen Platz. Er kann nicht einfach hier wohnen oder irgend sowas… 

Herr Franke überlegte, ob es irgendwo eine Einrichtung oder eine Obdachlosenunterkunft, irgendeine Diakonieweihnachtsfeier oder so gäbe, wo man ihn hin vermitteln, hinschicken könnte. In der Zwischenzeit hatte Jo, Verzeihung der Weihnachtsmann den Kindern erklärt, dass er noch viele andere Kinder besuchen müsste, dass die Kinder weiterhin so brav sein sollten und, wie ihre Eltern auch mit armen Kindern teilen sollten. Dann ging der Weihnachtsmann durch den Flur zur Ausgangstür und verabschiedete sich höflich. Frau Franke murmelte verwirrt Danke! Herr Franke holte einen 50 Euro Schein heraus und wollte ihn gerade noch am Ausgang überreichen, da schaute ihn Jo entsetzt an. Aber der Weihnachtsmann nimmt doch kein Geld!“ sagte Jo mit einem Lächeln und schloss die Tür hinter sich. Draußen wehte ihm der kalte Wind ins Gesicht – und doch fühlte er sich warm, wie schon lange nicht mehr.

Engel

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit 

sind Gottes Engel ganz befreit, 

denn wenn die Menschen ihre Wohnung schmücken

mit vielen Himmelswesen bunt bestücken, 

können Gottes boten jubilieren 

und sich ganz offen präsentieren

Die die sonst ganz unerkannt 

incognito und still 

in Gottes Namen ihren Dienst versehen 

können nun ganz unbemerkt und sanft 

zwischen ihren hölzernen Geschwistern gehen

Zwischen Holz und Glasengelkollegen 

kann sich auch dein Engel frei bewegen

ganz keck und offen und doch versteckt 

vielleicht hast du ihn schon längst entdeckt?

Wenn wir wie Engel uns verhalten 

inspirieren beflügeln helfen teilen 

Können diese sich ganz frei bewegen 

und so das ganze Jahr verweilen 

Die Frau des Kerzenmachers

Weihnachten ist das schönste Fest hatte sie immer gesagt. Und auch wenn sie jetzt ganz allein war schmückte sie die Wohnung mit ganz viel Liebe. Seit dem Tod ihres Mannes wohnte sie in einer kleinen 2 Zimmer Wohnung. Sie sprach noch viel mit ihrem Mann und oft auch mit sich selbst. „Elfriede, du wirst langsam tüttelig. Wo hast du denn schon wieder die Streichhölzer hingelegt. Ach dort sind sie, was wollte ich noch gleich?“

Auf die Tische legte sie kleine gehäkelte Deckchen. Sie stellte den Engelchor auf, der aus unzähligen Figuren bestand, baute sorgfältig die Weihnachtskrippe auf. Die Schwibbögen standen schon in allen Fenstern. Jedes Teil war mit einer eigenen Erinnerung verbunden. 

Nun fehlten noch die Kerzen. Und Elfriede Lichtenfels hatte unzählige Kerzen in allen Formen und Farben. Und, dass überall echte Kerzen waren war auch Ehrensache. Schließlich war sie die Frau des Kerzenfabrikanten. So zündete sie die Kerzen an den Schwibbögen an und die Kerzen am Baum, die großen und die kleinen Pyramidenkerzen, die Kerzen am Adventskranz und langsam leuchtete die ganze Wohnung in einem wunderschönen warmen Licht. 

Früher kamen immer wieder Kinder aus den umliegenden Dörfern und bettelten um Kerzen. Sie durfte die Kerzen an die Armen verschenken, die nicht so gut gelungen waren. Ihr Mann hatte sie immer mit nach Hause gebracht und irgendwie misslangen gerade kurz vor Weihnachten immer so viele Kerzen, dass niemand im Dunkeln sitzen müsste. Gerade in schweren Zeiten braucht es das Licht der Kerzen und gerade die Armen haben es am nötigsten, hatte ihr Mann Günther immer gesagt. Früher hatten sie zu Weihnachten Besuch. So war das Haus immer gefüllt und es hatte ihr nie etwas ausgemacht, dass sie keine Kinder kriegen konnten. 

Wie die Kaffeemaschine funktionierte hatte sie vergessen. Sie kochte sowieso lieber Tee im Pfeifkessel auf ihrem traditionellen Küchenherd, den sie mit Holz und kleinen Kohlen heizte. 

Bei den Nachbarn war sie unbeliebt. „Die Fackelt uns noch die Bude ab mit ihrem Kerzenfimmel. Die hat doch ein Rad ab.“, hatte Frau Vogel von nebenan neulich im Treppenhaus gesagt. Herrn Vogel missfiel die Art, wie seine Frau über die Nachbarin sprach. Er holte tief Luft, schaute auf die Kellertür, lächelte kurz, sagte dann aber nichts. Elfriede hörte trotz ihres Alters noch gut. Und es tat ihr auch leid, dass sie neulich den Kinderwagen der Nachbarn mit ihrem Rollator verwechselt hatte. Aber es ist nur einmal passiert und sie hat ihn ja auch gleich wieder zurück gebracht. Beinahe hätte sie vergessen das Räuchermännchen anzumachen und die Teelichtpyramide.“

Nun war es bei ihr hell und warm. Was sie gar nicht bemerkte. Im ganzen Haus war der Strom ausgefallen – ausgerechnet zu Weihnachten! In allen anderen Wohnungen war es dunkel. Auch die Gasheizung versagte ihren Dienst. Frau Vogel fuhr ihren Mann an: „Nun tu doch endlich etwas! Ruf doch mal bei den Stadtwerken an. Das kann doch nicht sein, dass wir hier im dunkeln sitzen.“ Herr Vogel wiegelte ab. „Da ist doch jetzt zu Weihnachten sowieso kein Schwein zu erreichen.“ Die Kinder maulten, weil sie um ihre Geschenke fürchteten. „Der Weihnachtsmann findet uns doch hier im dunkeln nie.“ Herr Vogel schlug vor: „Dann lass uns doch zu Frau Lichtenfels gehen. Die kann uns bestimmt ein paar Kerzen leihen. Dann wird es vielleicht noch ganz gemütlich.“ Frau Vogel gefiel der Gedanke gar nicht ausgerechnet bei dieser Nachbarin betteln zu müssen uns sie auch noch mit ihrem Kerzenfimmel zu bestätigen. Aber weil der Handyakku und das einzige Teelicht, das sie in der Wohnung gefunden hatten langsam zur Neige gingen stimmte sie wiederwillig zu.

Als Familie Vogel bei Frau Lichtenfels vor der Tür stand wäre sie am liebsten gleich wieder umgekehrt. Aber als Frau Lichtenfels die Türe öffnete roch es verbrannt. Frau Lichtenfels hatte gerade in der Küche Kohlen nachgelegt und eine kleine Kohle war brennend vor den Ofen auf das Ofenblech gefallen und dort ausgeglüht. Frau Vogel sah ihren Mann flehend an. 

Frau Lichtenfels begrüßte ihre Gäste ganz herzlich: „Die Familie Sassnitz, wir haben Sie schon erwartet. Wir haben uns ja so auf Sie gefreut. Kommen Sie doch rein!“ Frau Vogel schaute verwirrt und wollte noch korrigieren: „Wir sind Familie Vogel.“. Wieder sah sie mit einem flehenden Blick zu ihrem Mann. Da standen sie aber schon im Flur. „Schau mal Günther, was für lieben Besuch wir haben.“, sagte Frau Lichtenfels und holte noch Kekse aus der Küche. Die Wohnung war warm und hell und wunderbar geschmückt. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte duftete es nach frischem Weihnachtstee. Die Kinder wurden ganz ruhig und ehrfürchtig. Noch nie hatten Sie so viele brennende Kerzen gesehen. Sie bewegten sich ganz vorsichtig und freuten sich am Flackern der Kerzen und dem tanzenden Spiel der Schatten der vielen Pyramidenflügel an den Wänden. Frau Lichtenfels servierte für alle Tee und Kekse. Später kamen noch die anderen Nachbarn. 

Frau Lichtenfels begrüßte sie ebenfalls herzlich. „Herr Bürgermeister und der Studienrat mit Familie, das ist aber eine Freude. Bitte entschuldigen Sie mein Mann kommt auch gleich. Er muss immer so viel arbeiten gerade zu Weihnachten wird viel Licht gebraucht. Aber wir können uns ja etwas die Zeit vertreiben. Sie stellte sich an die große Weihnachtspyramide, zeigte auf die verschiedenen Figuren, die dort im Kreis rannten und erzählte den Kindern die Weihnachtsgeschichte von den Hirten und den Weisen und der Geburt im Stall. Die Kinder klebten an ihren Lippen und hörten andächtig zu. Auch Frau Vogel hörte zu, besonders als Frau Lichtenfels darauf einging, dass man immer freundlich sein und Raum in der Herberge schaffen müsse, denn der Herr zeige sich oft gerade unter den Armen und Hilfsbedürftigen. Elfriede Lichtenfels war nun wieder ganz die Frau des Kerzenfabrikanten. 

Sie war eine gute Gastgeberin. Sie schenkte regelmäßig Tee nach und schien endlos viele Kekse für das Fest besorgt zu haben. Wenn der Bürgermeister und der Studienrat und die Familie Sassnitz zu Besuch sind soll es doch an nichts fehlen. Frau Vogel saß still da, ihr Blick verlor sich im Spiel der Kerzenflammen. Mit jedem freundlichen Wort, das Frau Lichtenfels aussprach, fühlte sie sich kleiner und ein bisschen beschämt. 

Für eine kurze Irritation sorgte es, als Frau Lichtenfels den zwei Dreijährigen Kerzen und Streichhölzer schenken wollte. Aber insgesamt wurde es für alle ein wunderschönes Weihnachtsfest. 

Sie feierten bis spät Abends, dann löschten sie vorsichtshalber alle Kerzen, bedankten und verabschiedeten sich. 

Frau Vogel und die Nachbarinnen verständigten sich noch auf dem Gang, dass sie doch Frau Lichtenfels nicht allein lassen könnten. Sie würden nun in Zukunft öfter mal nach ihr sehen müssen. Schließlich müssten sich ja auch die Frauen des Bürgermeisters und des Studienrates mit der Frau des Kerzenfabrikanten gut stellen. Dann gingen lachend und geleitet von den leuchtenden Handys wieder zurück in ihre Wohnungen. 

Als alle schliefen schlich Herr Vogel unauffällig in den Keller und schaltete die Sicherung wieder ein.

Wir schenken uns nichts…

Wir schenken uns nichts, so hat Familie Müller das in diesem Jahr beschlossen. 

„Wir sind alle Erwachsen und eigentlich haben ja alle auch schon alles. Wir besorgen was für die Kinder und wenn ihr kommt ist das ja Geschenk genug.“ So hatte es Herr Müller vorgeschlagen, und seine zwei inzwischen erwachsenen Söhne und die Tochter stimmten zu. „Da ist ja auch nachhaltiger.“; sagte Monika, die Tochter. „Und wir haben weniger Stress“ „Und, statt das Geld für etwas auszugeben, was den anderen vielleicht gefallen könnte, kauft sich lieber jeder selbst gleich etwas richtiges.“, sagte der Sohn Hans, der ein kleines Unternehmen gegründet hatte. „Ja, das stimmt, man muss auch mal praktisch denken!“, pflichtete der Sohn Max bei, der als Autor arbeitete. Also war es ausgemacht: „In diesem Jahr schenken wir uns nichts.“ 

Nichts bedeutet laut Synonymwörterbuch so viel, wie: Kein bisschen, nicht einen Deut, nicht das Mindeste, nicht das Geringste. Auch international ist dieses Wort relativ einfach verständlich: Niente, Nada, Nothing versteht jedes Kind, selbst, wenn es die jeweiligen Sprachen gar nicht kann. Aber wer nun meint, Familie Müller habe eine einfache und klare Absprache getroffen, die nun alles vereinfacht und ihnen ein entspanntes Weihnachtsfest verschafft, hat nicht mit der wundersamen Vieldeutigkeit der deutschen Sprache gerechnet. 

Im Kontext mit Schenken bedeutet „nichts“, meist so viel, wie „nichts außer“, „nicht der Rede wert“, „nichts großes“, „ja gerade so fast nichts“, also „quasi nichts“, „ist doch nur eine Kleinigkeit – nichts“.

Wir schenken uns nichts bedeutet dann, dass jeder etwas besorgen muss, das genau in eine dieser Kategorien fällt. Also so, dass nun wirklich niemand behaupten kann, man hätte die Abmachung gebrochen und doch so, dass man beim „Das wär doch nicht nötig gewesen.“ nicht mit leeren Händen da steht, vielleicht sogar die anderen um einen Hauch übertrifft. 

Schließlich will man ja nicht als Einziger ohne Geschenk da stehen und von den anderen nicht nur beschenkt, sondern vielmehr beschämt werden und als der Schwächere erscheinen. Da schenken wir uns wirklich nichts!

Wenn man „Wir schenken uns nichts“ als Suchbegriff in einschlägigen Internetseiten eingibt stößt man auf eine ganze Industrie, die sich darauf spezialisiert hat. Da gibt es das 24-teilige Herrenpflegeset „Wir schenken uns nichts“, den gleichnamigen Präsentkorb oder das Familienunternehmen, das Taschen, beutel, Postkarten und Plakate mit den Aufschriften „Wir schenken uns nichts“ oder „Du wolltest doch nichts…“ anbietet… Es kostet deutlich mehr als „fast nichts“, sieht aber tatsächlich nach nichts aus – ist also perfekt um nach langem suchen und intensivem investieren – etwas zum Verschenken zu haben, das einen nicht mit nichts dastehen lässt und von dem man doch mit Fug und Recht behaupten kann dass es nichts sei.

Es ist wie bei dem in der Psychologie beschriebenen Gefangenendilemma, wenn zwei Angeklagte Gefangen sind und sich nicht absprechen können. Wenn beide Gefangene die Aussage verweigern kann man nichts beweisen und es kommen beide frei. Wenn sich aber einer zum Kronzeugen macht bekommt er Vorteile, den anderen trifft dann um so Härter. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass schließlich beide aussagen und wohl noch lange – vor allem in ihrem Misstrauen – gefangen bleiben. 

So erging es auch Familie Müller. 

Statt der üblichen Notgeschenke, wie Kinogutscheine, die man auch noch am Weihnachtstag online kaufen und ausdrucken konnte oder einer teuren weiterverschenkten Flasche Wein sorgfältig mit etwas Schokolade und einer noch teureren Verpackung versehen zergrübelten sich nun alle Wochenlang über „Nichts“ den Kopf. 

Frau Müller fing wie wild an Plätzchen zu backen und Stollenteigsnacks und probierte unzählige meist hoch aufwändige Rezepte aus von denen nur ein Bruchteil gelang. Der Rest kam nicht durch die strenge und selbstkritische Qualitätskontrolle zu gewöhnlich, zu trocken, zu fettig, nicht schön genug…. Als Frau Müller wieder einmal fluchend in der Küche stand machte Herr Müller, dem seine Rolle als Versuchskaninchen eigentlich ganz gut gefallen hatte den großen Fehler und den ganzen Aufwand zu hinterfragen. „Du machst Dir immer so viel Mühe mit dem Weihnachtsbraten. Danach sind doch eh alle satt. Und dann gibt es ja noch Schokolade und Dominosteine und Lebkuchen…“ Noch bevor er es ausgesprochen hatte bereute Herr Müller es schon wieder. Eigentlich hatte er Erfahrung mit solchen Situationen, aber irgendwie hatte er sich dann doch nicht zurückhalten können. Frau Müller wurde – wie zu erwarten – noch wütender und nun wusste sie auch ganz genau wer Schuld war: „Du und deine bescheuerte Idee: »Wir schenken uns nichts«“, brüllte sie. Frag doch mal Deine Liebe Tochter, wie das ausgeht. Die kommt ja so schon jedes Jahr mit drei Sorten selbstgebackener Stollen an. Die perfekte Hausfrau, Instagram Influencerin und Mammabloggerin mit perfekt gestylter Küche, veganenem Holzspielzeug, exotischen Specials, immer perfekt Yoga tiefenentspannt! Und diesmal gibt es bestimmt noch Plätzchen als Geschenk dazu, weil wir ja, wenn nur ich mit meinen Boomer-Rezepten koche hier alle vergiften, verhungern und verblöden. „Das ist doch nur Essen, das zählt ja gar nicht. MIR macht das Backen Freude.“ Aber nicht mit mir. Diesmal bekommt jeder von mir ein Tütchen mit Selbstgebackenen Plätzchen, zwei exklusiven Backzutaten und einem Handgeschriebenen Rezept! „Das zählt ja auch nicht, das hatte ich bei der Weihnachtsbäckerei eh noch da. Und die Rezepte, die habe nur ganz schnell und flüchtig aufgeschrieben…“ Nimm das Monika!“, fauchte Frau Müller wütend, aber auch ein bisschen stolz auf ihren genialen Plan. 

Die Tochter Monika stand indessen wirklich auch in der Küche. Die Stollen hatte sie längst fertig gebacken und, statt sich mit so etwas banalem, wie Plätzchen abzugeben, hatte sie es auf das Zentrum des Weihnachtsessens, auf das quasi Allerheiligste abgesehen. Sie probierte Rezepte für vegane Alternativen zum Weihnachtsbraten aus. Schließlich müssten wir ja alle gesünder und nachhaltiger leben und die kleinen selbstgebastelten Rezeptbüchlein auf selbst geschöpftem Recyclingpapier mit sorgfältig eingeflochtenen Gesundheitstipps wären doch eine perfekte Abwehr, wenn der Bruder Hans, als Autor als „Nichtgeschenk“ eins seiner neuesten Bücher mitbringen und der älteste Bruder als ach so erfolgreicher Unternehmer teure Lederetuis mit seinem Firmenlogo verteilen würde, die ja „nur Werbegeschenke seien.“

Hans hingegen hatte sogar noch kleine Leselämpchen und besondere Lesezeichen gekauft, damit er nicht „nur“ mit seinem Buch dastünde…

Am Weihnachtstag war die Stimmung von Anfang an etwas aufgeladen. Frau Müller begrüßte Tochter Monika schon am Eingang mit den Worten: „Bei UNS kannst du die Schuhe getrost anlassen. Max begrüßte Hans mit „Na was macht die Bestsellerliste?“ Dieser konterte mit „Und dein Börsengang?“. 

Nachdem die Kinder beschert und zum spielen ins Nachbarzimmer gegangen waren stieg die Anspannung. Monika holte ihren Outdoorrucksack und lehnte ihn neben sich ans Tischbein. Max fing an seine Bücher mit den Leselampen herauszuholen. Da griff Hans sich an den Kopf: „Oh Mist, jetzt habe ich die Sachen im Auto stehen lassen!“ . Max platzte daraufhin der Kragen. „Jetzt sollen wir wohl auch noch alle mit rauskommen und deine neue Bonzenkarre bewundern. Was ist es denn ein neuer SUV oder wartet der Chauffeur mit der Stretchlimousine?“ 

Aber statt wie üblich kampfeslustig und schlagfertig zu kontern implodierte Hans regelrecht. Er sackte in sich zusammen, ließ die Schultern hängen, starrte auf die Tischplatte und antwortete leise: „Das Auto steht wieder beim Händler. Er fing an an einem Zweig vom Adventskranz herumzuspielen, der etwas herausragte immer wieder strich er ihn glatt. Unter seiner anderen Hand hatte sich eine kleine Pfütze gebildet, so sehr schwitzte sie. Ich konnte die Raten nicht bezahlen. Wir hatten ein schwieriges Jahr. Ein Zulieferer ist Pleite gegangen und ein Kunde hat nicht gezahlt. Wir werden es schaffen. Ich habe das Auto zurückgegeben, die Mitarbeiter verzichten auf das Weihnachtsgeld Zwei unsere Stammkunden haben einen Vorschuss bezahlt. Aber es ist wirklich nicht leicht.“ Er holte tief Luft. Danach gab es ein langes Schweigen in der Familie. 

Max, fand als erster wieder Worte: „Es tut mir echt leid. Eigentlich war ich eher neidisch auf deinen Erfolg, weil es bei mir auch gerade nicht so gut läuft. Mein letztes Buch hat sich total schlecht verkauft und der Verlag will den Vertrag nicht verlängern. So viel zum »Bestsellerautor« Ich muss nun wieder Lektoratsjobs annehmen um über die Runden zu kommen. Wieder gab es eine längere Pause in der alle erstmal Luft holten. 

Dann meldete sich Monika. „Wisst Ihr, ich habe mich in der letzten Zeit immer mehr in die Küche und die heile Instagram-Welt geflüchtet. Wir hatten einfach so viel Streit zu Hause. Nach Weihnachten wollen wir es den Kindern sagen. Er wird im Januar ausziehen. Frau Müller legte ihr die Hand auf die Schulter. „Wisst Ihr, wir haben euch das nie erzählt, aber, nachdem ihr alle ausgezogen wart hatten wir auch eine große Ehekrise.“

Wieder gab es ein langes Schweigen. Alle brauchten die Zeit um etwas durchzuatmen. 

Dann wurde es ein wunderschönes Weihnachtsfest.

Die Geschenke hatten plötzlich gar keine Bedeutung mehr. Ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt noch überreicht wurden. Es spielte auch keine Rolle mehr, wer welche Plätzchen gebacken hatte. Aber was reichlich ausgeteilt wurde war Mitgefühl und Verständnis. Denn das Leben ist sowieso schon schwer genug. Auch das Leben der anderen. Das hatten nun alle verstanden. Und es tat gut nicht allein damit zu sein!

Zu Weihnachten braucht es gar nicht mehr als dass jemand nackt und verletzlich zur Welt kommt und sich als Mensch zu erkennen gibt.

Besinnlich an der Krippe

In der Weihnachtszeit kam Herr Portitz meist erst sehr spät von der Arbeit nach Hause und, wenn er mal früher heim kam musste er gleich wieder weg. Schnell noch dies und das besorgen, ein Paket beim Paketshop holen oder etwas einkaufen. Wenn er dann doch mal zu Hause war, dann hatte er meist keine Zeit für die Kinder und keine Nerven. „Du siehst doch dass ich beschäftigt bin. Kannst du nicht mal 5 Minuten warten?“ Und auch wenn der fast 5-jährige Florian die Uhr noch nicht lesen konnte war er sich ganz sicher, dass die 5 Minuten schon lange vorbei waren, als die die Mutter ihn genervt zurückholte: „Du kannst den Papa jetzt nicht stören, der muss noch arbeiten.“

Besonders schlimm war es am Samstag vor Weihnachten. Eigentlich war es ganz schön losgegangen, da hatten sich tatsächlich beide Eltern endlich mal Zeit genommen die Weihnachtssachen aus dem Keller zu holen und gemeinsam mit den Kindern die Wohnung zu schmücken. Gemeinsam hatten sie kleine Engelfiguren ausgepackt, und die alte Weihnachtskrippe aufgebaut. Herr Portitz erklärte: „Die Krippenfiguren sind antik, und handgeschnitzt, die sind nicht zum Spielen da! Die dürft ihr nicht anfassen!“ Florian wusste nicht, was antik bedeutet, aber den strengen Tonfall des Vaters kannte er gut. Wenn man gegen solche Anweisungen verstieß gab es meist richtig Ärger. Besonders dann, wenn die Eltern im Stress waren. Und doch gingen ihm die Krippenfiguren nicht aus dem Kopf. Sie waren nicht wie seine Spielfiguren mit einem aufgedruckten Lächelmund, sondern sie hatten richtige Gesichter. Ihr Blick hatte etwas Sorgenvolles, erwachsenes. Sie schauten fast so, wie die ständig gestressten Eltern. Und während Florian die Figuren so anschaute klingelte das Telefon. Danach musste der Papa schon wieder weg. Als er Stunden später wieder kam hatte er es schon wieder eilig. „Jetzt hilf doch mal beim Abladen! Ich stehe schon wieder im Halteverbot!“, brüllte er die Mama an. Diese schrie zurück: „Ich kann hier auch nicht sofort alles fallen lassen und warum hast du denn den Müll nicht mit runter genommen?“ Danach stritten beide laut und Florian hielt sich die Ohren zu. 

Nachdem alles abgeladen war und der Müll weggebracht, war den Eltern die Anspannung und der Ärger noch immer anzumerken. Herr Portitz kam ins Wohnzimmer um alles für den Weihnachtstag vorzubereiten. Da sah er die alte handgeschnitzte Krippe. „Das kann doch nicht wahr sein!“, Rief er. „Florian! Florian, komm jetzt sofort her.“, schnaubte er wütend. Florian kam ganz kleinlaut ins Wohnzimmer. Dort lagen die beiden Krippenfiguren von Maria und Josef neben der Krippe. „Ich hab dir hundertmal gesagt, dass du mit den Krippenfiguren nicht spielen sollst. Hörst du schlecht?“ 

Florian holte tief Luft, dann stellte er sich mit ernstem Gesicht an die Krippe und sagte: „Papa, ich hab gar nicht gespielt. Maria und Josef müssen sich ausruhen. Die sind nämlich auch im Stress.“ 

Ingmars Geschenk

In der Regel gilt es als Tabu, etwas weiter zu verschenken. Es wird als mangelnde Wertschätzung empfunden.

Als ich noch ein Kind war hatte ich für meine Mutter zu Weihnachten ein Bild gemalt. Später habe ich überlegt, was ich meinem Opa schenken könnte. Da holte sie dieses Bild heraus. Sie sagte: „Nimm doch einfach das.“ Ich war damals sehr enttäuscht und verletzt. Das Bild war ganz persönlich nur für sie gemalt! Sie war absolut eindeutig darauf erkennbar! Wie konnte sie nur auf die Idee kommen es weiter zu verschenken? Das fühlt sich so an, als wenn man einen Monet in den feuchten Waschkeller hängt.


Vielleicht sind es solche Kindheitserfahrungen, die das Weiterverschenken in Verruf gebracht haben. Schnell springt in uns das enttäuschte Kind an und will protestieren.

Und dennoch verstehe ich den Pragmatismus meiner Mutter inzwischen besser. Sie mag sich vielleicht wirklich gefreut haben. Sie hat schon das eine oder andere Kunstwerk der Kinder bekommen. Und spätestens ab dem dritten Kind werden die Wandflächen der Wohnung knapp. Also, warum nicht dem Opa in seiner trüben in Grautönen gehaltenen Wohnung auch etwas Buntes gönnen. Eine innerfamiliäre Win-Win Situation. Eine Optimierung der prominenten Galerieflächen sozusagen und eine Freude beim Bekommen UND beim Weiterverschenken!


Es wird viel mehr weiterverschenkt, als Menschen das zugeben. Gerüchte sagen, es gäbe insgesamt nur eine einzige Schachtel Merci, das sind diese Schokoladenriegel, die zum Danke sagen immer wieder weiter verschenkt werden. Die Fabrik steht vermutlich in Bielefeld…


Menschen machen Geschenke aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sie wollen anderen eine Freude bereiten. Sie wollen Dankbarkeit ausdrücken oder sie fühlen sich aus Höflichkeit einfach verpflichtet etwas zu verschenken.

Nicht immer treffen die Geschenke auch den Geschmack des oder der Beschenkten.

Das ist ungefähr so, wie bei den Geschmacksrichtungen der Schokoriegel, die angeblich in den Merci Packungen stecken sollen.


Auch ein Geschenk, das weiter verschenkt wird kann dem oder der ursprünglich Beschenkten große Freude machen. Es spart Geld. Es spart Zeit. Das ist gerade im stressigen Advent nicht zu unterschätzen! Ein Geschenk, das man zu Weihnachten weiter verschenken kann spart viel Zeit und Sucherei in überfüllten Einkaufszentren. Es eröffnet einen Zeitraum für einen schönen Abend, der durchaus mit der Wirkung einer geschenkten Kino- oder Theaterkarte vergleichbar ist!

Wenn man es in die Hand nimmt denkt man nochmal an die lieb gemeinte Geste! Wenn man dann sogar noch einen Menschen findet, zu dem es besser passt ist die Freude auf allen Seiten groß.


Ich habe sogar einen Schrank, in dem ich Dinge, die ich weiter verschenken möchte sorgfältig aufbewahre.


Eines Tages nahm ich ein Andachtsbuch zur Hand. Es war eines dieser Bücher, die irgend so ein mittelmäßiger Pfarrer geschrieben hatte, der sich offenbar für einen großen Literaten hielt. „Jahresanfänger“ oder so ähnlich. Aber es hatte einen sehr schönen Einband und war ideal zum Weiterverschenken. Routiniert und sorgfältig kontrollierte ich, dass auch ja keine Widmung in das Buch geschrieben war, damit mir niemand auf die Schliche kommt.

Da fiel ein handgeschriebener Zettel aus dem Buch: „Lieber Ingmar, ich weiß, Du hattest in diesem Jahr viele Rückschläge. Du denkst, du hättest viel mehr bewegen müssen. Zweifle bitte nicht an Dir selbst. Sieh die vielen kleinen Schritte und Erfahrungen, die Du gesammelt hast. Auch Jesus Christus hat einmal klein angefangen! Gottes Sohn hat einmal laufen lernen müssen. Wie oft mag er da wohl hingefallen sein? Wie klein und zaghaft mögen seine ersten Schritte gewesen sein?…“


Ich kenne keinen Ingmar! Wie lange mag dieses Buch wohl schon unterwegs sein? Wie oft wurde es wohl schon weiter verschenkt?


Dies Worte auf dem Zettel haben mich berührt. Auch ich frage mich oft, warum manche Dinge, in die ich so viel Kraft und Zeit investiert habe so wenig bewirken. Es war so, als ob der Zettel mich gefunden hätte. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht. Ich stellte mir nun zum ersten Mal vor, wie Jesus Christus wohl beim Laufenlernen ausgesehen haben mag. Wie oft fehlt mir die Geduld. Wie oft würde ich gerne sehr viel mehr bewegen. Für einen Moment konnte ich mich gut in Ingmar hineinversetzen. Es tut so gut, daran erinnert zu werden, dass ich einfach Mensch sein kann. Ich kann meinen Weg auch in kleinen Schritten und mit manchen Umwegen und Rückschlägen gehen. Ich kann trotzdem etwas – vielleicht sogar großes – bewegen.


Auch wenn ich keinen Ingmar kenne erscheint er mir doch irgendwie sympathisch. Ich fühle mich ihm sehr nahe. In welchem Stress mag er das Buch wohl weiter verschenkt und den Zettel übersehen haben?


Ich habe mir den Zettel kopiert. Danach habe ich ihn sorgfältig wieder in das Buch hinein gelegt. Ich habe es liebevoll neu verpackt und dann mit großer Freude weiter verschenkt.

Möge es auf seiner Reise noch vielen Menschen Trost und Hoffnung spenden und am Ende – vielleicht sogar wieder bei Ingmar ankommen.



Der Stein des Anstoßes ist zum Eckstein geworden

„Zu Weihnachten machen wir es uns richtig schön, auch wenn wir nur zu Zweit sind. Versprochen!“ Das hatte sie ihrer kleinen 4-jährigen Tochter immer wieder auf dem Weg zum Kindergarten gesagt.

Auch, wenn das trübe Wetter und die morgendliche Dunkelheit auf das Gemüt drückten, wenn es manchmal sehr hektisch war oder schon wieder das Handy klingelte und die Einkaufsliste durch den Kopf ratterte. „Zu Weihnachten machen wir es uns richtig schön, auch wenn wir nur zu Zweit sind. Versprochen!“ „Versprochen!“, immer und immer wieder. „Versprochen!“

Doch dann trat sie am Weihnachtsmorgen im Flur barfuß auf ein kleines Legoteil. Stress und Schmerz verbanden sich. Voller Wut brüllte sie: „Jetzt räum halt endlich mal Deinen Saustall auf! Sonst kommt das Christkind nicht und es gibt auch keine Geschenke!“

Als der Schmerz etwas nachließ hörte Sie aus dem Kinderzimmer ihre kleine Tochter weinen. Sie schluchzte: „Das schaffe ich doch nie bis Weihnachten! Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht…“

In diesem Moment kamen ihr selbst die Tränen. Alle Dämme brachen. Sie nahm ihre Tochter in den Arm und musste selbst weinen. Es war so als hätte das Kind alles ausgesprochen, was da in den letzten Wochen auf ihr lastete. Sie erkannte ihre eigenen Worte darin wieder. So als hätte man ihr einen Spiegel vorgehalten. Ihr war gar nicht bewusst, wie oft sie sagte, dass Sie nicht weiß, wo ihr der Kopf steht. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ihre Tochter den Stress wohl auch spürte und darunter litt. All den Druck, die Überforderung, die Versagensängste. Das Kind hatte sie in zwei Sätzen ausgedrückt. Und es war befreiend, dass es jetzt endlich ausgesprochen war, und, dass sie es jetzt gemeinsam herausweinen konnten.

Nach einer Weile wischte sich das Kind die Tränen von den Augen und versuchte die Mama zu trösten: „Dann machen wir es uns eben zu Zweit richtig schön auch ohne Geschenke. Ich hab Dich lieb.“

Die Mutter wischte sich auch die Tränen ab. Sie sagte: „Weißt du, ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich war so im Stress, dass ich ganz vergessen hatte, worauf es Weihnachten wirklich ankommt. Danke, dass du mich daran erinnert hast!

Weißt du, das Christkind ist in Wirklichkeit in einem richtigen Stall geboren. Da war bestimmt auch nicht alles aufgeräumt. Es musste auf Stroh liegen es hatte nicht einmal ein Kinderbettchen. Man hat ihm gerade so etwas Platz in einer Futterkrippe frei geräumt. Aber es wurde von seinen Eltern ganz doll geliebt und in seiner Liebe hat sich Gott gezeigt. Deshalb sind wir nie allein oder nur zu Zweit! Das Jesuskind ist immer füuns da. Es beschützt uns.

Komm, wir räumen jetzt nicht mehr auf! Lass uns aus den Legosteinen eine Krippe bauen.“ Und es wurde ein wunderschönes Weihnachtsfest. Die Bescherung gab es schon vor dem Gottesdienst, auf dem Heimweg Döner und den Braten einige Tage später.