Gabriellas Geschenk

Gabriellas Geschenk, eine Weihnachtsgeschichte von Sebastian Keller

Zwei Tage vor Weihnachten holte Frau Alvarez ihre 7 jährige Tochter Gabriella von der Schule ab. Gabriella war begeistert vom Lesen. Auf dem Heimweg las Gabriella alles laut vor, was sie finden konnte: Straßenschilder, Reklametafeln, Graffitis… Gabriella war nicht aufzuhalten. 

Frau Alvarez versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie alles noch besorgen und vorbereiten musste. Schokoladenguss und Dominosteine hatte sie schon. Das Geschenk für die Mutter hatte sie bestellt. Hoffentlich würde sie rechtzeitig ankommen. Wieso war eigentlich vor Weihnachten immer Stau? Gabriella las unablässig weiter: „Döner, Kebap, Imbiß, Fris-euer-salon Haar-genau…“ Frau Alvarez holte tief Luft. Eigentlich war sie ja stolz auf ihre Tochter, die so schnell Lesen gelernt und sogar einen Wettbewerb in der Klasse gewonnen hatte. Aber nun musste sie sich darauf konzentrieren schnell – noch vor dem Paketboten nach Hause zu kommen. Sie seufzte kurz: „Gabriella! Muss das jetzt wirklich sein?“ Gabriella las weiter: HH- Bu 3743. Toyota. Hundi an Bord…“ Frau Alvarez fuhr sie an, während sie sich auf das Einparken konzentrierte: „Gabriella jetzt nicht!“ Gabriella hielt sich trotzig den Mund zu und schaute ihre Mutter böse an. Zu Hause angekommen öffnete Frau Alvarez den Briefkasten und stöhnte. Gabriella las wieder: „Eine persönliche Zustellung war am 22.12. um 12.22 Uhr leider nicht möglich. Sendungsnummer 2375644809. Das Paket wurde bei Ihrem Nachbarn: Brümmel hinterlegt. Auf digitale Zustellungsbenachrichtigung umstellen…“ „Gabriella!!!“ Fauchte Frau Alvarez sie an. Dann klingelte sie bei Frau Brümmel. Frau Brümmel war eine ältere alleinstehende Frau. Sie kam kaum noch raus und war fast immer zu Hause. Sie nahm gerne Pakete an. Sie freute sich über etwas Abwechslung: „Ach Frau Alvarez. Wie geht es Ihnen? Ich habe gerade frischen Tee gebrüht. Wollen Sie einen? Gabriella las inzwischen die Namen auf den Briefkästen vor. Yilmaz, Meier, Hoffmann, Müller, Franzmann…“ Frau Alvarez schrie nun laut Gabriella! Ruhe jetzt!!“, dann fauchte sie Frau Brümmel mit harscher Stimme an: „Nein Danke! Sie sehen doch, dass ich jetzt keine Zeit habe! Bitte holen Sie einfach mein Paket!“. Gabriella war nun richtig wütend. Wie konnte ihre Mutter nur zu ihr und zu Frau Brümmel so gemein sein! Dabei war Frau Brümmel doch immer so nett. Und Tee hatte sie ich gekocht. Gabriella konnte Frau Brümmel gut verstehen. Sie fühlte, wie es ist, wenn man sich Mühe gibt und alles ganz toll macht und die anderen immer keine Zeit und keinen Nerv haben. 

Sie warf ihrer Mutter einen vernichtenden Blick zu, legte den Finger auf den Mund und lächelte dann Frau Brümmel besonders freundlich an. Frau Alvarez, die bemerkte, dass sie sich im Ton vergriffen hatte gab sich Mühe, sich besonders freundlich bei Frau Brümmel zu bedanken. 

Als sie oben in der 4. Etage angekommen waren zischte Gabriella, dass sie schließlich auch im Stress sei und noch Weihnachtsgeschenke basteln müsse. Dann ging sie in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich mit einem Knall. Frau Alvarez wollte erst hinterher. Aber dann dachte sie: Soll sie doch ruhig etwas schmollen. In der Zeit schaffe ich wenigsten noch etwas. Sie packte die Einkäufe aus und die Geschenke ein. Endlich etwas Zeit zum Durchatmen. Sie schaute in den Flur, offenbar hatte ihr Mann die Pappkartons von den Bestellungen weggebracht. Wann er das wohl noch geschafft hatte. 

Hatte sie nicht 3 Packungen Dominosteine gekauft? Wo hatte sie nur das blaue Geschenkband hingetan? Manchmal braucht es gar keine Kinder um alles durcheinander zu bringen, dachte sie! Als Herr Alvarez spät nach Hause kam freute er sich über den aufgeräumten Flur. Er vermisste die Tasse mit Firmenlogo, die er vom Chef zu Weihnachten bekommen hatte. Sicherlich in der Spülmaschine oder auch im Müll. Egal. Er fragte sich sowieso, was er jedes Jahr mit einer neuen Tasse sollte…

Beim Abendbrot saßen alle schweigend und irgendwie erschöpft beieinander. Gabriella und ihre Mutter schienen sich wieder zu vertragen. Auf jeden Fall hatte niemand Lust nochmal Streit anzufangen. Auch am nächsten Tag blieb es ruhig. Gabriella werkelte in ihrem Zimmer und kam nur gelegentlich raus, um eine Schere zu holen oder etwas Klebeband. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte war sie nicht zu bremsen.

Am Weihnachtstag lag schon wieder eine Paketbenachrichtigung im Briefkasten. Für Maria Franzmann. Frau Alvarez wunderte sich. Sie hieß zwar Maria. Aber Franzmann, dass muss für die Nachbarn sein. Das ist sicher eine Verwechslung. Sie holte Gabriella und ließ sie die Karte zur Sicherheit und als Friedensangebot nochmal lesen. Dann klingelten sie bei Frau Franzmann. Frau Franzmann bedankte sich, aber sie hatte nichts bestellt. Sie hatte ebenfalls eine Paketbenachtichtigung für Johannes Yilmaz. Ihr Mann hieß zwar Johannes, aber Özkan Yilmaz war der Nachbar im 2. Stock. Dieser hatte eine Benachrichtigung für Özkan Hoffmann, der eine Benachrichtigung für Tanja Müller hatte, die eine Benachrichtigung für Susanne Meier, die wiederum eine Benachrichtigung für Horst Kocak hatte, der eine Benachrichtigung für Yadegar Münch hatte, und sich fragte, ob es überhaupt eine Familie Kocak im Haus gab. Manche Nachbarn sahen sich zum ersten Mal. 

Am Ende kamen alle bei Frau Brümmel an, die sämtliche Pakete angenommen hatte. 

Ham die beim Paketdienst Lack gesoffen? Fragte Frau Hoffmann. „Ist mir egal meinte Horst Meier. Geben Sie mir einfach mein Paket! Für Meier.“ Aber es ist doch an Susanne Meier und nicht an Horst Meier.“, entgegnete Frau Hoffmann. „Der Vorname ist sicherlich eine Verwechslung. Sowas kann man schnell mal vertauschen geben Sie mir jetzt mein Paket!“ herrschte Herr Meier sie an. „Und wenn der Nachname vertauscht ist?, sagte Herr Yilmaz. 

Fast alle Nachbarn waren inzwischen bei Frau Brümmel versammelt. „Also Sie nehmen mein Paket nicht einfach mit“, zischte Frau Müller. „Streng genommen müssten wir eigentlich alle Pakete zurückschicken.“, sagte Herr Franzmann. 

Aber dafür waren alle irgendwie zu neugierig. Frau Brümmel hatte Tee gebrüht und bat alle ins Wohnzimmer. Herr Kocak folgte als erster. „Vielleicht steht ja auf den Paketen noch irgendwas drauf… Lassen Sie uns mal nachschauen.“ Frau Alvarez folgte ihm. Sie wollte Frau Brümmels Tee nicht schon wieder ablehnen. Nicht zu Weihnachten. Als alle im Wohnzimmer platz gefunden hatten rief Herr Meier: „Das sieht hier schon so aus, wie von einem Hilfsschüler geschrieben… Die Paketboten. Das sind ja alles Ausländer…“. Frau Hoffmann schritt sofort ein: „Also jetzt keinen Rassissmus zum Weihnachtsfest! Ich bin dankbar und habe hohnen Respekt vor der fleißigen Arbeit der Paketboten! Ich möchte Sie mal sehen, wenn Sie in einem anderen Land mit einer fremden Schrift Pakete ausliefern müssten.“ Darauf Herr Meier: „Bei uns hat es ja wenigstens noch für Russisch gereicht.“

„Wir sollten vielleicht beim Paketdienst anrufen.“, meinte Herr Yilmaz. „Na viel Glück!, da geht doch jetzt bestimmt noch gaaanz viele ans Telefon.“, lästerte Frau Müller. 

Schließlich beschlossen alle, die Pakete gemeinsam zu öffnen. Denn da kann sich hinterher niemand beschweren. Alle hatten im Wohnzimmer von Frau Brümmel Platz gefunden und warteten gespannt. Frau Alvarez öffnete etwas unbeholfen das erste Paket an Maria Franzmann. Da war eine Kerze drin. „Ach das kann sein. Solche Kerzen bekommen wir immer von meiner Tante.“, sagte sie. „Davon haben wir schon so viele. Wenn die jemand haben will…“, und überreichte sie an Familie Franzmann. Im Zweiten Paket war Weihnachtsgebäck. Das war nun gar nicht zuzuordnen, aber es passte gut zum Tee. „Machen wir es doch einfach hier gemeinsam auf….“ Frau Brümmel schenkte Tee nach. Es war wie eine Familienfeier mit Bescherung nur mit völlig Fremden Menschen. Und alle waren sich einig, dass die Teebeutel im nächsten Paket als Dankeschön an Frau Brümmel gingen. Herr Meier verschwand wie er sagte „nur mal kurz den Fernseher ausmachen“, das war wohl seine Art, zu sagen, dass er kein besseres Programm für den Abend hatte. Frau Yilmaz holte noch schnell Bakklava, von denen Ihr Mann jedes Jahr sowieso viel zu viele machte. Frau Alvarez, schaute auf die Kerzen, die drehenden Pyramidenflügel und Rauchfaden, der sanft aus einem Räuchermännchen entwich. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie liebevoll weihnachtlich alles geschmückt war. 

Nach dem siebenten Paket klingelte es. 

Frau Brümmel ging durch den Flur zur Tür. Alle horchten Gespannt. An der Tür war eine Männerstimme zu hören. Guten Tag, Entschuldigung! Haben gesehen meine Block mit Benachrichtigung Paket? In diesem Moment schauten sich Herr und Frau Alvarez an: Gabriella!!!

Frau Brümmel zwinkerte Gabriella zu und antwortete: „Kommen Sie doch erstmal rein. Schließlich ist Weihnachten und ich habe Frischen Tee gebrüht.